Welcher Ante?

von | Juli 2019 | Reiseberichte

Blick über den Bleder See (Foto: Gabriele Wessels)

Was einem an nur einer Straßenecke in Kroatien alles in den Sinn kommen kann.

Gedankensplitter zur Studienreise 2019 Slowenien-Kroatien

Alt, sehr alt ist Zadar, das auf den ersten Blick so anmutig und idyllisch daherkommende Städtchen an der dalmatinischen Küste, heute Teil des südlichen Kroatiens. Die Ursprünge der Stadt reichen mehrere Jahrhunderte weit vor den Beginn der christlichen Zeitrechnung zurück. Genauer faßbar wird ihre Geschichte seit sich das expandierende römische Reich ihrer bemächtigte, nämlich schon im 2. vorchristlichen Jahrhundert. Seither sollte Zadar noch viele verschiedene Herrscher haben, nach dem römischen die byzantinischen, also „oströmischen“ Kaiser, frühmittelalterliche kroatische Fürsten, lange Zeit die Venezianer, die erst im ausgehenden 18. Jahrhundert von der Macht des habsburgischen Großreiches verdrängt wurden. Zadar wurde also „österreichisch“, zwischendurch indes mußte der ferne Wiener Kaiser 1805 dem noch ferneren Franzosen-Kaiser, nämlich Napoleon Bonaparte weichen. Die französische Zeit blieb jedoch Episode, fast nur eine Fußnote in der langen Geschichte der Stadt. Als Zadar 1813 wieder an die Habsburger fiel, folgten mehr als hundert Jahre der Zugehörigkeit zu deren Herrschaftsbereich, die erst endeten, als die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs endgültig zerbrach.

Mit dem Verschwinden des müde gewordenen, in der Ausübung seiner Macht eher nachsichtig-lässigen Doppeladlers fiel Zadar an Italien, das sich als Siegermacht des Ersten Weltkrieges betrachtet und behandelt wissen wollte, und nun erfolgreich „Zara“, so der italienische Name der Stadt, beanspruchte. Tatsächlich waren nach der Volkszählung im Habsburgerreich im Jahre 1910 fast 70 Prozent der Stadtbewohner italienischer Nationalität. So entstand 1919/20 eine kurios anmutende Exklave, gewissermaßen umstellt von einem Staatsgebilde ganz anderer Art, nämlich dem „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, also einem von Beginn an prekären Konglomerat, dessen langer Name die komplexe ethnische, kulturelle, religiöse, wirtschaftliche und politische Gemengelage, die darin herrschte, allenfalls andeutete – wobei eine ganze Reihe weiterer Ethnien, die nicht selten seit Jahrhunderten auf diesem durch die „Pariser Vorortverträge“ zusammengestückten Gebiet lebten, wenigstens äußerlich unterschlagen wurden. Wären die Bosniaken, die Deutschen, die Ungarn, die Italiener, die Mazedonier, die Albaner, die Montenegriner und etliche andere kleinere Volksgruppen, die dort zuhause waren, auch im Staatsnamen genannt worden, wäre dieser allerdings kaum noch praktikabel gewesen. Bald wurde das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ ohnehin gegen das künstlich generierte „Königreich Jugoslawien“ getauscht, was nicht minder vereinfachend – oder verschleiernd – war, denn die Menschen in diesem Staat waren eben keinesfalls alle „Südslawen“. Im spannungsreichen „Jugoslawien“ wurde viel gerungen, für und gegen eine Dominanz der Serben, welche immerhin den relativ größten Anteil am Staatsvolk stellten, demnach war deren Hauptstadt Belgrad auch die Kapitale des neuen Staates geworden. 1929 setzte nach dem starken Anwachsen innerer Spannungen der amtierende König Alexander (aus der serbischen Dynastie Karađorđević) die Installierung einer autoritären Regierungsform durch, die freilich die inneren Streitigkeiten allenfalls zu unterdrücken, nicht aber zu lösen vermochte. Bezeichnenderweise fiel Alexander selbst im Oktober 1934 einem Mordanschlag zum Opfer, der vermutlich von kroatischen Verschwörern organisiert worden war. An der autoritären Herrschaftsform in Jugoslawien änderte sich indes auch nach Alexanders Tod nichts. Demokratisch indessen ging es im italienischen Zadar/Zara auch längst schon nicht mehr zu, mindestens seit sich bereits 1922 Benito Mussolini zu dessen Machthaber aufgeschwungen hatte.

Die Konflikte der Zwischenkriegszeit in und um Jugoslawien verblaßten allerdings vor dem Hintergrund der auch rückschauend noch Entsetzen auslösenden Welle der Gewalt, welche mit seiner militärischen Zerschlagung durch NS-Deutschland und das faschistische Italien seit dem Frühjahr 1941 über die ganze Region hereinbrach. Nach der raschen Besetzung durch deutsche und italienische Truppen wurde insbesondere die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung des bisher jugoslawischen Territoriums systematisch ins Werk gesetzt. Das Land wurde aufgeteilt, neben den Besatzungsgebieten in deutscher und italienischer Hand wurde ein kroatischer Satellitenstaat errichtet. Angesichts der brutalen Besatzungspolitik formierte sich bald bewaffneter Widerstand durch verschiedene Partisanengruppen, welche die schwierigen Geländeverhältnisse in den stark zerklüfteten und bewaldeten Bergregionen des Landes geschickt zu nutzen verstanden. Es entwickelte sich ein allseits überaus rücksichtslos geführter Krieg ohne klare Fronten, mit schwer überschaubaren, obendrein wechselnden Bündnissen, der vor allem die weithin hungernde, ums Überleben ringende Zivilbevölkerung traf. Von den (niedrig geschätzt) etwa 1,7 Millionen Kriegstoten in Jugoslawien waren rund 950.000 völkerrechtlich „Nicht-Kombattanten“, also Zivilisten. Etwa 12 Prozent der Bevölkerung des Landes vor 1941 wurden somit Opfer der ungebremsten Gewalt. Die Kriegsverluste Jugoslawiens waren demnach relativ deutlich höher als in Deutschland (ca. 9,2 % der Gesamtbevölkerung von 1939).

Und Zadar/Zara? Die Stadt profitierte keineswegs davon, dass sie schon seit 1920 zu Italien gehörte, demnach 1941 nicht erst erobert werden mußte. Als Mussolini Anfang September 1943 gestürzt wurde, Italien aus der Kriegskoalition mit NS-Deutschland ausscherte und das italienische Militär weitgehend zerfiel, besetzten deutsche Truppen die Stadt, um sie nicht in die Hände von Partisanen fallen zu lassen. Möglicherweise aufgrund einer Überschätzung der Stärke der deutschen Militärpräsenz war Zadar seit dem Spätherbst 1943 für rund ein Jahr das Ziel einer Vielzahl von Bombenangriffen durch britische und amerikanische Kampfflugzeuge. Die historische Innenstadt wurde dadurch zu etwa 80 % zerstört, die Zahl der zivilen Todesopfer ist bis heute unbekannt. Die niedrigste Schätzung geht von etwa 1.000 getöteten Zivilisten aus, andere Berechnungen gehen von bis zu 4.000 Todesopfern aus – bei rund 20.000 Einwohnern vor Kriegsbeginn. Vermutlich waren aber bereits zu Beginn der Angriffe viele Menschen aus der Stadt geflohen.

Tatsache ist, dass die altehrwürdige Stadt weitgehend ein Trümmerhaufen war, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 an das wiedergegründete Jugoslawien fiel. Zu dessen neuem Machthaber hatte sich Josip Broz, genannt Tito, aufgeschwungen. Als geschickt taktierender Anführer der kommunistischen Partisanen hatte es Tito vermocht, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien politisch praktisch bedeutungslosen, gleichwohl systematisch unterdrückten Kommunisten zur führenden Kraft zu machen. Inzwischen gar zum Marschall aufgestiegen, hatte der 1892 im kroatischen Krumrovec als Sohn eines kroatischen Vaters und einer slowenischen Mutter in kleinbäuerliche Verhältnisse hinein geborene Partisanen-General seine militärischen Kenntnisse zunächst in der österreichisch-ungarischen Armee erworben. Der gelernte Schlosser war 1914 einberufen worden, brachte es in der k. u. k.-Armee zum Feldwebel, bevor er 1915 in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Als er sich im zusammenbrechenden Zarenreich 1917 den linksradikalen Bolschewiki unter Lenin anschloß, begann seine politische Laufbahn im engeren Sinne. So erlebte Tito die Anfänge der Sowjetunion unmittelbar mit. Nach der Rückkehr in seine Heimat – inzwischen „Königreich der Serben, Slowenen und Kroaten“ bzw. „Jugoslawien“ –, legte sich Broz den Decknamen „Tito“ zu, da seine Partei illegal war. Mehrfach geriet er in Haft, 1937 stieg er zum Generalsekretär der weiter im Untergrund agierenden jugoslawischen KP auf, da er als zuverlässiger Gefolgsmann Josef Stalins galt, der sich inzwischen in der Sowjetunion als Alleinherrscher etabliert hatte. Als der Zweite Weltkrieg Josip Broz Tito nicht nur im Marschallsrang an die Spitze der Partisanen-Armee, sondern auch an die Schalthebel der politischen Macht im wiedererstandenen Jugoslawien gebracht hatte, war er allerdings schnell nicht mehr bereit, sich von Stalins Gnaden am Moskauer Gängelband führen zu lassen. Ermöglicht wurde seine dann bis zu seinem Tod am 4. Mai 1980 kaum angefochtene überragende Machtstellung allerdings nicht zuletzt durch die äußerst brutale Verfolgung und Vernichtung von tatsächlichen oder vermeintlichen politischen Gegnern zumeist unmittelbar nachdem die deutschen und restlichen italienischen Truppen 1944/45 aus Jugoslawien vertrieben worden waren oder kapituliert hatten.

Fundament der Donatus-Kirche mit roemischen Saeulenfragmenten in Spolien

Fundament der Donatus-Kirche mit roemischen Saeulenfragmenten in Spolien (Foto: Prof. Dr. Winfrid Halder)

Das zertrümmerte Zadar wurde also unter den Vorzeichen des „blockfreien“ jugoslawischen Sozialismus besonderer Art wieder aufgebaut. Wer heute die Stadt durchstreift, wird der Rettung bzw. Rekonstruktion zahlreicher Baudenkmäler nicht den Respekt versagen können. Da ist etwa die schwerlich ohne Ehrfurcht zu betrachtende Donatus-Kirche, einer der ältesten erhaltenen christlichen Sakralbauten in Europa. Sie wurde in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts auf dem ehemals römischen Forum der Stadt errichtet. Dabei fanden auch dort vorgefundene Teile noch weit älterer Bauten Verwendung, Spolien, wie die Architekturgeschichte sie nennt. Im Fundament der Donatus-Kirche sind die römischen Säulenfragmente unschwer erkennbar.

Tief taucht also der Betrachter ein in die Geschichte, wenn er die Donatus-Kirche betrachtet. Nur wenige Schritte weiter indes überfällt einen geradezu die Gegenwart. An der Ecke eines schmucklosen, ein wenig heruntergekommen wirkenden Wohnblocks prangt unversehens der Name „Ante“. Und zwar nicht so wie zuweilen Liebesbotschaften übermittelt werden, mit Herz oder dergleichen, sondern recht groß, auffällig, wenn auch etwas ungelenk, vielleicht eilig an die Wand gepinselt.

Gepinseltes Graffito des Namens Ante an einer Wand in Zadar

Gepinseltes Graffito des Namens Ante an einer Wand in Zadar (Foto: Prof. Dr. Winfrid Halder)

Eine Botschaft also? Ein besonderer Ante, an den erinnert werden soll? Ich erschrecke bei dem Gedanken, dass Ante Pavelic gemeint sein könnte. Pavelic, das war der Gründer und Diktator des „Unabhängigen Staates Kroatien“, der genau das nicht war, was der Staatsname vorgab, nämlich unabhängig. Ante Pavelic war nach der Errichtung der „Königsdiktatur“ in Jugoslawien 1929 nach Italien emigriert, hatte dort – während er in Jugoslawien in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde – mit Unterstützung des Mussolini-Regimes die faschistische „Ustascha“-Bewegung gegründet, welche rechtsextreme, antisemitische und gewaltbereite Exil-Kroaten sammelte, um bei passender Gelegenheit zurückzukehren und die Heimat zu „befreien“. Auch das Attentat auf König Alexander 1934 ging mutmaßlich auf das Konto Pavelics und seiner Helfer. Weitere Unterstützung fanden der Ustascha-Chef und seine Anhänger durch das seinerseits autoritär und nationalistisch regierte Ungarn unter Admiral Miklós Horthy sowie durch NS-Deutschland. Nach der militärischen Zerschlagung Jugoslawiens durch deutsche und italienische Truppen (mit Unterstützung ungarischer und bulgarischer Verbände) erhielt Pavelic im April 1941 die Gelegenheit, aus dessen kroatischem Teil, aber auch unter Einbeziehung Bosnien-Herzegowinas und kleinerer Teile Serbiens eben den „Unabhängigen Staat Kroatien“ zu bilden. Freilich blieben ihm die ebenfalls eingeforderten istrischen und dalmatischen Küstenabschnitte vorenthalten, da der faschistische italienische Bundesgenosse hier auf den Vorrang seiner Ansprüche pochte. Dadurch bestand nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung des neuen Gebildes aus ethnischen Kroaten, knapp ein Drittel waren Serben, mehr als 11 Prozent muslimische Bosniaken, dazu kamen noch viele Slowenen, Roma und Angehörige anderer Ethnien. Pavelic und seine Anhänger errichteten ein mörderisches Regime, das keineswegs nur die jüdische Bevölkerung verfolgte und zu großen Teilen ermordete. Die Gesamtzahl der Opfer wird wohl niemals genau zu bestimmen sein, sehr weit auseinander gehende Schätzungen liegen zwischen 300.000 und 750.000 Menschen, welche gewaltsam umkamen. Besonders berüchtigt wurde das Konzentrationslager Jasenovac (ca. 95 km südöstlich von Zagreb); allein dort wurden vermutlich rund 100.000 Menschen ermordet.

Der „Poglavnik“ (Führer) Pavelic entkam, anders als viele seiner Anhänger, als 1945 mit der endgültigen Niederlage NS-Deutschlands sein Staatsgebilde von Titos Partisanen erobert wurde. Über Österreich und Italien gelang ihm die Flucht nach Argentinien. Dort mit falscher Identität untergetaucht, überlebte Pavelic knapp ein auf ihn am 10. April 1957 – dem Jahrestag der Gründung des Ustascha-Staates – verübtes Attentat. Dieses ging vermutlich auf das Konto des jugoslawischen Geheimdienstes – dürfte folglich von Tito selbst befohlen worden sein. Eine letzte Zuflucht fand Pavelic danach in General Francisco Francos spanischer Diktatur, beim letzten noch herrschenden einstigen Bündnispartner Hitlers und Mussolinis also. Ende Dezember 1959 ist der niemals gerichtlich belangte Pavelic in Madrid gestorben.
Für rechtsradikale Kreise in Kroatien ist Ante Pavelic bis heute eine positive Bezugsfigur, daher meine reichlich beklommene Frage an unseren kroatischen Reiseleiter Miro, ob denn die Maueranschrift wirklich an diesen Ante erinnern könnte. Miro, der Touristen wohl meist nur seine unbeschwert wirkende Spaßmacherseite zeigt, der sich aber – wenn man nur entschieden genug nachfragt – als historisch und politisch überaus gut informierter, nachdenklicher und einigen Aspekten der Gegenwart seines Heimatlandes alles andere als unkritisch gegenüberstehender Zeitgenosse erweist, winkt indes ab. Nein, meint er, dieser Ante sei wohl nicht gemeint. Unpolitisch ist das Mauergekritzel allerdings wohl auch nicht, so mutmaßt er, es könnte vielmehr auf Ante Gotovina bezogen sein.

Der nämlich stamme, anders als Pavelic, hier aus dieser Gegend und sei für nicht Wenige in Kroatien noch immer eine Art Volksheld. Ante Gotovina ist, gewissermaßen, eine historische Figur, eine im Unterschied zu Pavelic höchst lebendige allerdings. Der 1955 geborene Ex-General der kroatischen Armee lebt gar nicht weit von Zadar, nämlich bei Biograd, ist also in seine Heimatregion zurückgekehrt. Titos Jugoslawien hatte der 17-Jährige schon 1972 verlassen, war zur französischen Fremdenlegion gegangen und zum Fallschirmjäger ausgebildet worden, hatte Kommandoeinheiten angehört, hatte später, nach dem Ausscheiden aus der Legion, für teilweise übel beleumundete private „Sicherheitsfirmen“ gearbeitet, zudem in Südamerika seinerseits Spezialeinheiten ausgebildet. Eine Karriere mithin, die man aus Hollywood-Filmen à la Rambo zu kennen glaubt, im Falle Gotovinas aber eine durchaus reale. Zu Beginn der 1990er Jahre, bald nachdem seine kroatische Heimat aus dem zerfallenden Jugoslawien ausscherte, die Unabhängigkeit anstrebte und in einen blutigen Krieg mit dem von Serbien geführten Rumpf-Jugoslawien geriet (1991-1995), ist Gotovina heimgekehrt und in die überhaupt erst neu aufzubauende kroatische Armee eingetreten, zweifellos willkommen als erfahrener Militär. Kein Wunder, dass der einstige Unteroffizier der Fremdenlegion rasch in hohe und höchste Kommandopositionen aufstieg, den Generalsrang erhielt. Der Krieg um die kroatische Unabhängigkeit verschränkte sich rasch mit den militärischen Auseinandersetzungen in und um das bis heute ethnisch stark gemischte Bosnien-Herzegowina (2013: 50,1 % meist muslimische Bosniaken, 30,8 % Serben, 15,4 % Kroaten, 2,7 % Andere). Dort kam es von Beginn an zu massiven Kriegsverbrechen und anderen Völkerrechtsverletzungen, insbesondere auch Massenvertreibungen, an denen alle Kriegsparteien beteiligt waren.

Im August 1995 – nur einige Wochen nach dem grauenvollen Massaker von Srebrenica, bei dem bosnisch-serbische Einheiten Tausende bosniakischer Männer und Jugendliche ermordeten – startete die kroatische Armee die „Operation Sturm“, bei deren Durchführung General Gotovina eine maßgebliche Rolle spielte. Es gelang den kroatischen Truppen binnen weniger Tage große Geländegewinne gegen die bosnisch-serbischen Einheiten zu erzielen. In der Folge kam es im November/Dezember 1995 zum Abschluß des Friedensabkommens von Dayton (Ohio), welches von den Vereinigten Staaten von Amerika unter Präsident Bill Clinton und der Europäischen Union vermittelt wurde. Da aus serbischer Sicht die Gefahr bestand, dass die Position der Serben in Bosnien-Herzegowina weiter geschwächt werden würde, wenn die militärischen Auseinandersetzungen nicht rasch beendet würden, ließ sich der amtierende Präsident Serbiens, Slobodan Milošević, der sich als Schutzherr der serbischen Bosnier verstand, auf die Vereinbarungen mit dem kroatischen Staatschef Franjo Tuđman und Alija Izetbegović ein. Der Muslim Izetbegović fungierte als erster Präsident der Republik Bosnien und Herzegowina. Das Dayton-Abkommen begründete die bis heute geltende, allerdings reichlich fragile Ordnung in Bosnien-Herzegowina, welche auf einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen abzielt.

Ante Gotovina zeichnete also mitverantwortlich für den größten militärischen Erfolg der kroatischen Seite in den langwierigen kriegerischen Auseinandersetzungen, welche der Zerfall Jugoslawiens mit sich gebracht hatte. Auch nach Kriegsende hatte er hohe und höchste Positionen in der kroatischen Armee inne. Aufgrund von Differenzen mit der kroatischen Regierung – der Gotovina stets schützende Franjo Tuđman war inzwischen verstorben – wurde er 2001 in den Ruhestand versetzt. Zeitlich nah benachbart dazu wurde vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag, der im Mai 1993 durch eine Resolution des UNO-Sicherheitsrates begründet worden war, Anklage gegen Gotovina erhoben. Ihm wurden nicht zuletzt Kriegsverbrechen und andere Völkerrechtsverletzungen vorgeworfen, die unter seiner Verantwortung während der „Operation Sturm“ zumeist gegen Angehörige des serbischen Bevölkerungsteils im kroatisch-bosnischen Grenzgebiet verübt worden waren.
In den folgenden fünf Jahren blieb Gotovina, der alle Anschuldigungen zurückwies, auf freiem Fuß, er hielt sich in Kroatien versteckt. Nachforschungen etwa auch des britischen Geheimdienstes blieben erfolglos, auch eine von US-amerikanischer Seite ausgesetzte Belohnung in Höhe von fünf Millionen Dollar führte nicht zur Ergreifung des Flüchtigen. Die kroatische Regierung betonte eins um’s andere Mal, keine Kenntnis von Gotovinas Aufenthaltsort zu haben. Schließlich machte die Europäische Union eine Auslieferung Gotovinas zu einer der Bedingungen für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Kroatien. Tatsächlich wurde deren für März 2005 vorgesehener Start verschoben. Kroatien hatte im Februar 2003 die Vollmitgliedschaft beantragt und im Juni 2004 den Kandidatenstatus erhalten.
Am 07. Dezember 2005 wurde Ante Gotovina auf Teneriffa von der spanischen Polizei verhaftet, er war mit gefälschten Papieren eingereist. Inwieweit kroatische Behörden an seiner Ergreifung beteiligt waren, blieb unklar. Schon am 10. Dezember wurde der Inhaftierte nach Den Haag geflogen, am 12. Dezember 2005 hatte er das erste Mal vor dem Internationalen Tribunal zu erscheinen. Er erklärte sich in allen Anklagepunkten (darunter auch Vertreibung) für unschuldig.

Gotovinas Verhaftung führte zu Massenprotesten in Kroatien und einer Vielzahl von Solidaritätsbekundungen. Auch in der Popkultur wurde er eine prominente Figur. Umfrageergebnissen zufolge sollen zwei Drittel der kroatischen Bevölkerung die Vorwürfe an die Adresse des Ex-Generals für unbegründet gehalten haben. Dementsprechend groß war das öffentliche Interesse am Verfahren gegen Gotovina. Nach verschiedenen Verzögerungen begann der Strafprozeß in Den Haag im März 2008, das Urteil wurde am 15. April 2011 verkündet: Gotovina wurde in fast allen Anklagepunkten für schuldig befunden und zu 24 Jahren Haft verurteilt.

Wiederum kam es in Kroatien zu riesigen Protestkundgebungen. Nach neuerlichen Umfragen hielten rund 95 Prozent der Befragten in Kroatien das Urteil für ungerecht, kaum weniger der Umfrageteilnehmer sahen in ihm nach wie vor einen Nationalhelden.

Gotovina legte indes Berufung gegen das Urteil ein – und wurde im Berufungsverfahren am 15. November 2012 überraschend freigesprochen. Nach fast sieben Jahren Untersuchungshaft war er wieder ein freier Mann. Die kroatische Regierung ließ ihn mit einer Regierungsmaschine aus Den Haag abholen, der Verteidigungsminister persönlich geleitete ihn zurück nach Zagreb, wo ihm rund 100.000 Menschen auf dem zentralen Ban Jelačić-Platz einen triumphalen Empfang bereiteten, bevor er die nahegelegene Kathedrale aufsuchte, wo der katholische Erzbischof von Zagreb, Kardinal Bozanić, eine Dank-Messe zelebrierte.
An Gotovinas Popularität hat sich seither nichts geändert. Im Juli 2019 wurde das bekannte Filmfestival im istrischen Pula (die älteste und größte Veranstaltung dieser Art in Kroatien) mit der Film-Biographie Gotovinas unter dem Titel „General“ eröffnet, welche der renommierte Regisseur Antun Vrdoljak gedreht hat. Die Hauptrolle spielt darin Goran Višnjić, der wohl populärste kroatische Schauspieler derzeit, der schon seit vielen Jahren erfolgreich hauptsächlich in Hollywood arbeitet. Višnjić soll auf eine Gage für diese Rolle verzichtet haben.

Unnötig zu sagen, dass der Freispruch für Gotovina in Serbien nahezu ebenso große Empörung hervorrief wie Begeisterung in Kroatien. Von insgesamt 161 vor dem Den Haager Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien angeklagten Personen wurden 84 zu Haftstrafen zwischen zwei Jahren und lebenslänglich verurteilt. Das meiste Aufsehen erregte zweifellos das Verfahren gegen Slobodan Milošević, gegen den 1999 Anklage erhoben wurde. Mit Milošević wurde erstmals in der Geschichte des internationalen Strafrechts ein noch amtierendes Staatsoberhaupt angeklagt. 2001 wurde er – nach seinem erzwungenen Rücktritt – verhaftet und nach Den Haag ausgeliefert. Milošević starb indes im März 2006, kurz bevor das Verfahren gegen ihn beendet werden konnte in der Untersuchungshaft. Der bosnisch-serbische General Ratko Mladic – einer der militärischen Hauptgegner Gotovinas – wurde im November 2017 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Mladic wurde nicht zuletzt die maßgebliche Verantwortung für den Massenmord von Srebrenica angelastet. Radovan Karadžić, der frühere Präsident der bosnisch-serbischen (Teil-)Republik, das politische Pendant zu Mladic, der wie dieser vor seiner Auslieferung nach Den Haag viele Jahre lang flüchtig gewesen war, wurde ebenfalls wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt – und zwar rechtskräftig erst am 20. März 2019, womit die Tätigkeit des internationalen Tribunals für das ehemaligen Jugoslawien endgültig eingestellt wurde.

Tja, und all dies kann einem durch den Kopf gehen an einer eigentlich unscheinbaren Straßenecke in Zadar, dessen Ehrenbürger Ante Gotovina kaum zwei Wochen nach seiner Haftentlassung geworden ist. Aber eigentlich habe ich dazu überhaupt keine Zeit. Denn nur wenige Schritte weiter erreichen wir die Kathedrale der Heiligen Anastasia, ein imposanter Bau, dessen romanische Fassade im 12./13. Jahrhundert entstand. Allein vor dem wunderschönen Marien-Tympanon des Hauptportals müßte man lange verweilen …

Relief am Portal der St. Anastasia Kathedrale in Zadar

Relief am Portal der St. Anastasia Kathedrale in Zadar (Foto: Prof. Dr. Winfrid Halder)

Und ach, man könnte, ja müßte ein Buch schreiben, über das was wir in diesen wenigen Tagen alles sehen. Denn Zadar ist nur eine unserer Stationen in Kroatien. Zuvor waren wir schon in Slowenien, sind von Kärnten her durch die Karawanken zum schönen See von Bled gefahren, haben dort die Jagd-Villa gesehen, die Tito sich einst selbst schenkte (allen politischen Differenzen zum Trotz im protzigen Stil der stalinistischen Architektur), sind ins unverkennbar habsburgisch geprägte Ljubljana weiter gereist, haben dem heute italienischen, einstmals ebenfalls habsburgischen Triest eine Stippvisite abgestattet (sträfliche Vernachlässigung eigentlich), waren in Pula (wieder tief zurück in die römische Vergangenheit), in Opatija eigentlich nur zum Schlafen (eine weitere Sträflichkeit), folgen über Rijeka der istrischen zur dalmatinischen Küste, verlassen viel zu schnell Zadar, um in Biograd zu übernachten, begegnen dort nicht leibhaftig Ante Gotovina, wohl aber einer Gedenkplatte, die auch deutsche Besucher über die kroatische Sicht auf den Krieg zwischen 1991 und 1995 aufklären möchte.

Gedenkplatte in Biograd

Gedenkplatte in Biograd (Foto: Prof. Dr. Winfrid Halder)

Ein „rutschiges Thema“ bis heute in Kroatien, wie Miro anmerkt. Er sei ja als ganz junger Mann damals zwar noch einberufen worden, ein wirklicher Kampfeinsatz sei ihm aber gottlob erspart geblieben. Unser etwas älterer kroatischer Busfahrer Goran, der nur wenig Deutsch, aber beneidenswert flüssig und klar Englisch spricht, hatte weniger Glück. Als wir etwas später in Karlovac sind – der einstigen habsburgischen Grenzfestung zum osmanischen Bosnien –, hält er in einem Vorort, wo eine Art improvisiertes Militärmuseum direkt am Straßenrand existiert. Mehr oder weniger unkommentiert stehen hier einige teils durch Waffeneinwirkung ziemlich demolierte alte Militärfahrzeuge herum, um die Trümmer eines Kampfflugzeugs sowjetischer Bauart herum drapiert, das wohl einst für die Jugoslawische Volksarmee angeschafft worden ist. Goran, sonst am Steuer seines Riesengefährts sogar in engsten Straßen die souveräne Gelassenheit selbst, wird – auf den Krieg angesprochen – unverkennbar unruhig. Ja, läßt er schließlich zögernd wissen, ja, hier hat er drei Jahre lang im Fronteinsatz seine Heimatstadt verteidigt. Vor dem Einsteigen zeigt er einigen Umstehenden dann mehr oder weniger verstohlen einige Fotos, die auf seinem Handy gespeichert sind. Unverkennbar, jedenfalls wenn man etwas genauer hinschaut, eines zeigt das hübsche kleine Café auf der anderen Straßenseite, dessen Toilette gerade einige Mitreisende erlöst hat. Auf dem Bild freilich ist ein völlig zerschossener Trümmerhaufen zu sehen, umgeben ebenfalls von Ruinen. 

Die Plitvicer Seen, die so idyllisch sein könnten, wenn nicht das Gedrängel der chinesischen Touristengruppen wäre – wenn nicht, denken die umgekehrt, das Gedrängel der europäischen Touristengruppen wäre –, das schöne Zagreb, das hübsche Varaždin (ein barockes Lehrstück in seltener Geschlossenheit, wo wir eigentlich schon im historischen Königreich Ungarn angekommen sind), das möge jedermann selbst besuchen. Es lohnt, was schon eine nachgerade schamlose Untertreibung ist. Wir müssen zurück, leider.

Auf dem Weg zum Zagreber Flughafen, sehr schmuck, erst vor wenigen Jahren grundlegend modernisiert und seit 2016 nach Franjo Tuđman benannt (der doch, so denken jedenfalls nicht wenige Serben, ebenfalls vor das Tribunal in Den Haag gehört hätte), kommen uns auffällig viele Reisebusse entgegen, wenngleich doch Samstag und noch früher Morgen ist. Na die sind, meint Miro, vermutlich unterwegs ins gar nicht weit entfernte Krumrovec, also Josip Broz Titos Geburtsort, denn heute ist der 25. Mai. Zwar ist der spätere jugoslawische Diktator dort am 7. Mai 1892 geboren, am 25. Mai 1944 entkam er jedoch noch als führender Partisanen-General in den bosnischen Bergen bei Dvar nur äußerst knapp einem SS-Sonderkommando, das speziell auf ihn Jagd machte. Seither wurde dieser Tag als zweiter „Geburtstag“ Titos gefeiert, in Jugoslawien dann bald ritualisiert als „Staffettenlauf“ der jungen titotreuen Kommunisten nach Krumrovec. Daran halten einige Unentwegte, so Miro, bis heute fest, neuerdings wohl sogar wieder vermehrt unterstützt von jüngeren Tito-Verehrern. Das Andenken an Tito, das ist noch ein „rutschiges Thema“ im heutigen Kroatien, aber wohl auch in ganz Ex-Jugoslawien. Tito, der Jugoslawien von der deutschen und italienischen Besatzung befreite, ohne der Roten Armee den Weg ins Land ebnen zu müssen, der tatsächliche oder vermeintliche Gegner gnadenlos verfolgen, umbringen, einsperren ließ, der Stalin Paroli bot, der zur Symbolfigur der „blockfreien Bewegung“ im Kalten Krieg wurde, geschätzter Staatsgast insbesondere in der westlichen Welt, so im Juni 1974 in der Bundesrepublik Deutschland. Gern wäre der immer noch geläufig Deutsch sprechende Tito, so berichtete „Der Spiegel“ damals, schon zum Spiel der jugoslawischen Nationalmannschaft gegen Brasilien im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft nach Frankfurt am Main gekommen. Das war den bundesrepublikanischen Sicherheitsverantwortlichen aber dann doch zu heikel. Wußten sie doch um die heimlichen Aktivitäten von einstigen, jetzt exilierten kroatischen Ustascha-Mitgliedern, den noch immer auf Rache sinnenden Anhängern Ante Pavelics, im freien Teil Europas. Jugoslawiens Fußballer erkämpften auch ohne Titos Gegenwart ein beachtliches 0:0 gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien. Kurz darauf wurde Tito von Bundeskanzler Helmut Schmidt empfangen, nach dem Rücktritt Willy Brandts erst seit wenigen Wochen im Amt des Regierungschefs. Nicht wenige Sozialdemokraten hatten Tito zuvor gelobt, so Günter Grass, der meinte, dieser führe Jugoslawien „einer wirklichen demokratischen sozialistischen Ordnung“ entgegen (Der Spiegel Nr. 26/1974). Schmidt sah das weit nüchterner, aber wichtig waren ihm die Beziehungen zu Jugoslawien allemal, nicht zuletzt unter ökonomischen Aspekten. Und Tito wußte, warum er sich lieber an Schmidt statt an den ebenfalls erst kurz amtierenden DDR-Machthaber und „sozialistischen Bruder“ Erich Honecker hielt: Jugoslawische „Gastarbeiter“ (damals rund 600.000) in der Bundesrepublik und westdeutsche Touristen in Jugoslawien (in den 1980er Jahren dann 2-3 Millionen im Jahr), die sicherten seinem „sozialistischen“ Experiment das Überleben, einstweilen jedenfalls. Denn schon in den letzten Jahren der Tito-Diktatur fing auch diese an, in eine immer tiefere Verschuldungskrise zu geraten, insbesondere seit der ersten großen Erdölpreiskrise 1973. Der wirtschaftliche Niedergang, der mit zum Zerfall Jugoslawiens führen sollte, hatte längst eingesetzt. Womit wir wieder bei Slobodan Milošević et alii wären. Aber davon reden wir heute nicht mehr, gewiß jedoch im Zusammenhang mit unserer Studienreise 2020 nach Serbien und Bosnien-Herzegowina.